
Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter sind immer häufiger mit Extremismus konfrontiert. Ein Phänomen, das Fachkräfte vor ethische Herausforderungen stellt. Lehrende der SRH University und SRH Fernhochschule erklären, welche Auswirkungen das hat.
Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter sind immer häufiger mit Extremismus konfrontiert. Ein Phänomen, das Fachkräfte vor ethische Herausforderungen stellt. Lehrende der SRH University und SRH Fernhochschule erklären, welche Auswirkungen das hat.

Die extremistischen Bedrohungen kommen aus allen Richtungen, berichten Betroffene. Prof. Dr. Simon W. Kolbe von der SRH University, der in der Sozialen Arbeit u. a. im Bereich bedürfnisorientierte Ethik und Menschenrechtsarbeit lehrt und forscht, erklärt: „Auch wenn Extremismus unterschiedliche Erscheinungsformen umfasst, wie etwa Linksextremismus, religiösen Fanatismus oder staatsverneinende Bewegungen, zeigt sich in Forschung und Praxis sehr deutlich, dass Rechtsextremismus die dominante und derzeit gravierendste Gefährdungslage darstellt. Er prägt nicht nur gesellschaftliche Konfliktlinien, sondern wirkt in besonderer Weise in die Handlungsfelder Sozialer Arbeit hinein.“
In der Praxis der Sozialen Arbeit manifestiert sich Extremismus nicht primär durch Schlagzeilen, sondern durch Bedrohungen der Klient:innen, die als Geflüchtete, Arbeitssuchende, Obdachlose, Suchtkranke oder als Teil anderer vulnerabler Gruppen kaum gesellschaftlichen Rückhalt genießen. Hinzu kommen schleichende Prozesse: Anfeindungen in Beratungsgesprächen, Rekrutierungsversuche unter Jugendlichen oder interne Spaltungen in Teams, wenn diskriminierende Haltungen toleriert werden. Prof. Dr. Simon W. Kolbe beschreibt diesen Wandel prägnant: „Extremistische Positionen sind heute im öffentlichen Raum und in digitalen Medien deutlich sichtbarer als noch vor einigen Jahren. Das betrifft besonders rechtsextreme Strömungen, aber auch andere ideologisch aufgeladene Debatten, die in den Berufsalltag dringen.“
Henning Schulz-Hunger von der SRH Fernhochschule ergänzt: „Studierende berichten zunehmend von extremistischen Vorfällen in ihren Handlungsfeldern, sei es in Schulen, Kitas oder Jugendarbeit, von rassistischen Äußerungen bis zu queerfeindlichen Attacken.“ Formen des Extremismus, insbesondere der Rechtsextremismus sowie religiös begründeter und verschwörungsgetriebener Extremismus, weisen zentrale gemeinsame Strukturmerkmale auf: Ideologien der Ungleichwertigkeit, die Legitimation von Gewalt sowie die Ablehnung demokratischer Grundprinzipien. Kolbe fasst dies für die Soziale Arbeit zusammen: „Soziale Arbeit ist eine Menschenrechtsprofession mit klaren normativen Grundlagen. Für Menschenverachtung, Rassismus und Demokratiefeindlichkeit darf es in ihren Handlungsfeldern keinen Raum geben.“
Vulnerable Klient:innen wie Geflüchtete, Menschen mit Behinderung, Armutsbetroffene oder LGBTQIA+-Personen sind laut den beiden Experten doppelt gefährdet. Sie sind einerseits Zielscheibe extremistischer Anfeindungen und Gewalt, andererseits verstärkt Adressat:innen von Rekrutierungsversuchen, da ihre Lebenslagen gezielt instrumentalisiert werden. Schulz-Hunger erklärt: „Klient:innen können Opfer von Bedrohungen, Hass, Ausgrenzung oder Gewalt werden, etwa aufgrund von Herkunft, Religion, Geschlecht oder Lebensweise. Gleichzeitig machen belastende Lebenssituationen empfänglich für einfache Antworten, starke Autoritätsfiguren und Zugehörigkeitsversprechen.“ Kolbe ergänzt: „Extremistische Akteur:innen nutzen Ängste vor Migration, instrumentalisieren soziale Ungleichheit, versprechen spirituell-religiöse Lösungen und exklusive Zugehörigkeit oder propagieren vermeintliche Freiheit vom Staat. Digitale Plattformen und soziale Medien fungieren dabei als zentrale Verstärker und zugleich als nur unzureichend regulierte Kommunikationsräume, in denen solche Narrative niedrigschwellig verbreitet, normalisiert und gezielt zur Verbreitung und Rekrutierung eingesetzt werden.“
Die Soziale Arbeit reagiert mit professioneller Abgrenzung und mit einem politischen Mandat. Das bedeutet Orientierung an Menschenrechten, Hinweise auf Bedrohungslagen oder Ausgrenzungsmechanismen und Unterstützung von Klient:innen statt parteipolitischer Einbindung. Schulz-Hunger betont: „Entscheidend sind Medienkompetenzen, Reflexionsräume, interdisziplinäre Kooperation und Auseinandersetzung mit unbequemen Themen.“ Hochschulen wie die SRH Fernhochschule und die SRH University integrieren Module zu Extremismusformen, mit Schwerpunkten auf Sensibilisierung, Interventionsstrategien und Zivilcourage. Kolbe: „Studierende lernen in unseren Lehrveranstaltungen, Vorträgen, Studientagungen und Exkursionen, Rekrutierungsstrategien zu erkennen, Grenzverletzungen professionell zu handhaben und Handlungssicherheit zu wahren.“
Bundesprogramme wie „Demokratie leben!“ stärken dies durch Förderung von Schulsozialarbeit, Erlebnispädagogik und Streetwork, die Vorurteile abbauen und Resilienz fördern. Interdisziplinäre Ansätze mit der Polizei, der Pastoral, Vereinen oder NGOs, wie zum Beispiel DigitalSchoolStory, ermöglichen Früherkennung und Kompetenzerwerb im Bereich Demokratie, Kommunikation, Digitalisierung und Gesellschaft.
Die Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession muss Extremismus präventiv begegnen: durch klare Leitlinien, Fortbildungen und Vernetzung. Ein umfangreiches Interview mit Prof. Dr. Simon W. Kolbe und Henning Schulz-Hunger liefert weitere, praxisnahe Einblicke und Strategien. Soziale Arbeit trägt zur Stabilisierung demokratischer Werte bei und wird auch künftig eine zentrale Rolle in der Bearbeitung gesellschaftlicher Polarisierung einnehmen.

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