
Kaum beginnt ein sportliches Großevent, wie zum Beispiel die Fußball-Weltmeisterschaft, entstehen Geschichten, die weit über den Sport hinaus begeistern. Warum schlägt unser Herz aber ausgerechnet so oft für den Außenseiter?
Kaum beginnt ein sportliches Großevent, wie zum Beispiel die Fußball-Weltmeisterschaft, entstehen Geschichten, die weit über den Sport hinaus begeistern. Warum schlägt unser Herz aber ausgerechnet so oft für den Außenseiter?

Ob Kamerun 1990, Griechenland 2004, Island 2016 oder Marokko 2022. In diesen Jahren wurden jeweils Turniergeschichten geschrieben, die nachhaltig im Gedächtnis bleiben. Denn in jedem dieser Beispiele, konnten (vermeintliche) Underdogs die Sympathien der Masse für sich gewinnen. Sie bewiesen, zu welchen Leistungen Menschen imstande sind, denen kaum etwas zugetraut wurde. Doch wer genauer hinschaut, erkennt, dass die Unterschiede zwischen Favoriten und Außenseitern nicht immer so groß sind, wie auf den ersten Blick vermutet.
„Natürlich gibt es objektiv einen Leistungsunterschied zwischen den absoluten Top-Teams und den Außenseitern. Dennoch stehen bei einer Weltmeisterschaft ausschließlich Profis auf dem Platz“, sagt Alexander Wendland, Fachdozent für Sportpsychologie an der SRH Fernhochschule – The Mobile University.
Als Besonderheit dieser bisher größten WM der Geschichte spielen noch mehr „kleinere“ Fußballnationen als in früheren Turnieren um den Sieg und vielleicht haben nicht alle das Potenzial für Überraschungen. Wobei man nie eine Mannschaft unterschätzen sollte...
Das formulierte Per Mertesacker 2014 nach der Zitterpartie gegen Argentinien in einem hitzig vorgetragenen und ebenso diskutierten Interview recht deutlich, in dem er darauf hinwies, dass spätestens nach der Vorrunde eines solchen Turniers „keine Karnevalstruppen“ mehr auf dem Platz stehen. Auch Wendland ordnet ein: „Viele Spieler wurden in denselben Nachwuchsleistungszentren der Profiklubs ausgebildet und spielen in europäischen Profi- oder auch Spitzenvereinen.”
Damit weist der Fachdozent für Sportpsychologie auf einen Aspekt hin, der oft zu wenig beachtet wird. „Leistungsunterschiede der Mannschaften sind zwar durchaus vorhanden. Überraschungen sind gerade bei einer Weltmeisterschaft aber immer möglich, wenn es den Favoriten in den Spielen gegen die Außenseiterteams nicht gelingt, das eigene Leistungspotenzial auch voll abzurufen. In diesem Zusammenhang spielen besonders mentale Prozesse eine große Rolle!“
Die erwähnten Überraschungen kommen somit auch durch den Umgang mit Druck, Erwartungen und Emotionen zustande. Doch wer hat denn die größere Last zu tragen? Favoriten oder Außenseiter?
Intuitiv vermuten wir den größeren Druck auf Seiten der Underdogs. Tatsächlich ist häufig das Gegenteil der Fall. Denn wer als Favorit aufläuft, trägt die Erwartungen eines ganzen Landes auf den Schultern. Gewinnen allein reicht oft nicht aus. Nein, der Sieg soll möglichst souverän ausfallen und dabei am besten noch schön anzuschauen sein.
„Wir waren meistens die Mannschaft, die es zu schlagen galt“, erinnert sich die ehemalige Volleyball-Nationalspielerin und heutige Sportpsychologin Berit Kauffeldt. „Unser Trainer hat uns deshalb vor jedem Spiel denselben Satz mitgegeben: Der nächste Ball ist der wichtigste. Sobald man beginnt, über das Ergebnis oder mögliche Konsequenzen nachzudenken, verliert man den Fokus auf das, was man gerade beeinflussen kann.“
Sportpsychologinnen und Sportpsychologen sprechen in diesem Zusammenhang vom „Choking under Pressure“. Unter großem Erwartungsdruck gerät selbst das ins Stocken, was tausendfach trainiert und selbst im Schlaf beherrscht wurde. Wenn aber aus Leichtigkeit Kontrolle wird, erhöht das auch die Fehleranfälligkeit. Ein Phänomen, das Profis aller Sportarten nur zu gut kennen und das von Sportkommentatoren gern als „Verlust der Spielfreude“ bezeichnet wird.
Der Außenseiter startet dagegen mit einem ganz anderen Gefühl. Von ihm wird kein Sieg erwartet, was zur Folge hat, dass er mutiger spielen, mehr Risiken eingehen und genau daraus Selbstvertrauen gewinnen kann. Eine wunderbare Ausgangslage, um einem Gegner die Stirn zu bieten.
Manchmal braucht es nur wenige Sekunden, und ein Spiel schlägt plötzlich eine andere Richtung ein. Ein gewonnener Zweikampf, ein mutiger Pass und zack! Ein unerwartetes Tor. Man kann förmlich dabei zuschauen, wie sich die Körpersprache einer Mannschaft ändert, wie sich die einen aufrichten und die anderen in sich zusammenfallen. Gut für diejenigen, die das Momentum auf ihrer Seite haben! Denn dann entsteht aus Zuversicht Selbstvertrauen und mit diesem lassen sich mehr Prozente an Leistung abrufen.
„Objektiv unterscheiden sich die Mannschaften oft viel weniger, als viele Zuschauer glauben“, sagt Kauffeldt. „Entscheidend ist, wer den Schwung, die Energie und das Vertrauen auf seiner Seite hat.“
Dass Emotionen ansteckend wirken, ist kein Geheimnis. Wie machtvoll sie aber tatsächlich sein können, überrascht dann doch oft. Was mit einer gelungenen Aktion beginnt, kann sich innerhalb weniger Minuten auf eine ganze Mannschaft übertragen. Genau diesen Effekt beschreibt auch eine qualitative Untersuchung mit Spielerinnen der deutschen Volleyball-Nationalmannschaft. Die zeigte auf, dass positive wie negative Emotionen das Verhalten des gesamten Teams beeinflussen und damit entscheidend für den Spielverlauf sein können.
Wer glaubt, Trainerinnen und Trainer seien in solchen Momenten vor allem Taktiker, erfasst ihre Rolle nicht in Gänze. Sie geben Orientierung, vermitteln Sicherheit und beeinflussen die Stimmung ihrer Mannschaft häufig stärker als jede taktische Anweisung.
„Leader im Sinne von Trainerinnen und Trainern sind extrem wichtig, wenn es darum geht, Emotionen innerhalb einer Mannschaft zu entfachen und zu übertragen“, sagt Kauffeldt.
Gerade in engen Spielen kann das den Unterschied machen. Unsicherheit wirkt ebenso ansteckend wie Ruhe, Zuversicht und gegenseitiges Vertrauen, wobei letztere Option deutlich stabilisierend auf eine Mannschaft wirkt. Es ist enorm wichtig, ihr die Überzeugung zu geben, bis zum Schlusspfiff an die eigene Chance zu glauben. Trainer:innen sind also nicht nur Taktiker:innen, sondern vor allem auch Motivatorinnen und Motivatoren.
Warum erinnern wir uns noch heute an Griechenland 2004? Als Otto Rehagel Griechenland zum EM-Sieg führte? Weshalb haben wir Island oder Marokko gefeiert, obwohl wir zuvor kaum eine Verbindung zu diesen Mannschaften hatten? Vielleicht liegt es auch daran, dass ihre Geschichten weit mehr erzählen als Fußball.
Für die ehemalige Fußball-Nationalspielerin und Studentin an der SRH Fernhochschule, Theresa Panfil reichen die Erkenntnisse der Sportpsychologie weit über den Sport hinaus.
„Auch im Beruf, im Studium oder in jedem Team erleben wir, wie Erwartungen Druck erzeugen, wie sich Stimmungen auf andere übertragen und wie ein gemeinsames Ziel Menschen über sich hinauswachsen lässt. Vielleicht berühren uns Außenseitergeschichten deshalb so sehr. Sie zeigen, dass Menschen nicht allein durch ihre Voraussetzungen geprägt werden, sondern auch durch die Beziehungen, Emotionen und Erwartungen, die sie umgeben. Außergewöhnliche Leistungen entstehen oft dort, wo aus vielen Einzelnen ein starkes Wir wird.“
Vielleicht ist es auch die alte Geschichte von David gegen Goliath, die uns so fasziniert. Weil sie beweist, dass Menschen über sich hinauswachsen können. Das macht Mut und wo, wenn nicht im Sport, können wir uns durch das Erleben dieser Geschichte Motivation für das eigene Leben abholen?



Seit über 30 Jahren setzt sich die unbefristet staatlich anerkannte SRH Fernhochschule – The Mobile University dafür ein, dass Studierende ihren Traum vom Hochschulabschluss in jeder Lebenssituation verwirklichen. Fast 200 Mitarbeitende begleiten und unterstützen rund 12.000 Menschen auf ihrem Bildungsweg. 74 staatlich anerkannte Bachelor- und Master-Studiengänge sowie über 170 Hochschulzertifikate im Online-Studium geben schon heute die Antwort auf das, was morgen gefragt ist.